Leben retten durch Digitalisierung?

Leben zu retten ist nicht mehr nur Aufgabe des Rettungsdienstes: Eine App will die Zeit zwischen Alarmierung und Eintreffen des Rettungsdienstes überbrücken und so die Versorgung von Patienten verbessern. Wie sie das macht und wie realistisch die Umsetzung aus politischer Sicht ist, erfahrt ihr hier. 

In 66% der Fälle wird bei einem Herzkreislaufstillstand oder einer Ohnmacht keine erste Hilfe geleistet. Diese Zahlen sind erschreckend, aber auch nachvollziehbar. Viele Menschen haben Angst etwas falsch zu machen, oder sind schlicht geschockt, wenn ein Angehöriger zu versterben droht. So menschlich diese Reaktion auch ist, das Problem bleibt bestehen: 
Nach vier Minuten ohne Puls kommt es i.d.R. zu ersten chronischen Schäden am Gehirn. Der Rettungsdienst trifft aber oft erst nach sieben bis acht Minuten ein. Die Konsequenz sind Invalidität oder der Tod, denn pro Minute ohne Herzschlag sinkt die Überlebenswahrscheinlichkeit um 10%. 

 

 

Die App "mobile Retter" möchte dieses Problem lösen. Die Organisation hinter der App sucht in ausgewählten Landkreisen Menschen mit medizinischer Ausbildung, die bereit sind in ihrer Freizeit Leben zu retten. Die App schafft damit ein Alleinstellungsmerkmal: Bei vergleichbaren Apps werden normale Menschen ohne medizinische Ausbildung als Ersthelfer eingesetzt. Durch die medizinische Ausbildung ist die Qualität der Erstversorgung besser, die Abläufe routinierter und die Zusammenarbeit bei der Übergabe an den Rettungsdienst professioneller. 

 

Aber wie läuft das jetzt ab?

Der Notruf geht bei der Leitstelle ein. Der Disponent ermittelt die Erkrankung des Patienten und sendet den Rettungsdienst los. Liegt ein Herzkreislaufstillstand oder eine Ohnmacht vor, schickt der Disponent einen mobilen Retter los. Die App ist mit der Software der Leitstelle verbunden. Der Disponent erkennt auf einer Karte wie weit der nächste Retter entfernt ist vom Unglücksort und ob es zeitlich Sinn macht diesen los zu schicken. Wenn die Indikation vorliegt, bekommt der mobile Retter eine Push-Nachricht über die App auf sein Smartphone und hat die Möglichkeit den Einsatz an- oder abzulehnen. Nimmt er ihn an, sieht er wo er hin muss und eilt los. 

Vor Ort übernimmt er dann die lebensrettenden Sofortmaßnahmen bis der Rettungsdienst eintrifft. Die Übergabe verläuft durch die medizinische Ausbildung professionell und der Rettungsdienst hat Zeit das medizinische Gerät vom Rettungswagen zum Patienten zu bringen, da die Wiederbelebungsmaßnahmen ja bereits professionell laufen. 

Die mobilen Retter sind über den Betreiber bei den Einsätzen versichert und werden auch nochmal geschult bevor sie in der Praxis eingesetzt werden. Zudem erfolgt eine Nachsorge durch den Betreiber, um das System laufend zu verbessern, aber auch um seelischen Beistand bei Bedarf zu leisten

 

Wenn Politiker von einer solchen Lösung hören, ist die erste Aussage meistens: 

"Toll, hört sich super an. Aber wie viel kostet das?"

Das ist ein weiterer Vorteil des Systems: die Kosten sind überschaubar. Genaue Aussagen lassen sich im vorhinein natürlich nicht treffen, schließlich hängen die Kosten für die Integration des Systems von der Größe des Kreises usw. ab. 

Die Umsetzung ist aber noch an einige andere Voraussetzungen geknüpft: zum Beispiel muss die Software der Leitstelle mit der der App zusammenpassen. Die Betreiber versichern allerdings, dass dies meistens der Fall ist. 

Und zum anderen: es muss politisch gewollt sein! 

Unabhängig davon, ob die Betreiber der App auf einen Landkreis zu gehen, oder z.B. die Leitung der Leitstelle oder des Rettungsdienstes. Am Ende entscheidet die Politik: Für die Bewilligung der Mittel ist der Kreis oder die Kommune zuständig.
Beim politischen Willen geht es dann aber nicht nur um das Geld oder die Wirkung nach außen. Es geht auch darum, ob man bereit ist sich digitalen Lösungen zu öffnen. Es liegt in der Natur des Menschen neuen Dingen erst einmal skeptisch gegenüber zu stehen - bei der Digitalisierung gilt das im besonders hohem Maße. Immer dann, wenn eine digitale Lösung eine Sache vereinfachen oder ein Problem lösen kann, stellt sich bei Digitalisierungs-Skeptikern die Frage, ob dadurch Jobs wegfallen, die Versorgung gefährdet ist oder ob das nicht auch gefährlich sei einem Computer zu vertrauen. 
Dem begegnet man am besten mit Argumenten: 

  • Nein, es fallen keine Jobs weg. Im Gegenteil: Es werden neue geschaffen: bei den Betreibern der App zum Beispiel. 
  • Nein, die Versorgung ist nicht gefährdet, denn selbst wenn das System mal ausfällt, ist das Versorgungsniveau auf dem Stand von heute, da es ja meist noch keine professionellen Ersthelfer gibt. 
  • Und nein, man vertraut keinem Computer. Die Entscheidung über den Einsatz der mobilen Retter und die Erste-Hilfe wird von Menschen geleistet, nicht von Computern. Die App verbindet nur die Menschen untereinander. 

Die App ist eine Chance, eine Chance dank moderner Mittel Leben zu retten. Man sollte sich immer vor Augen halten, dass man selber mal betroffen sein kann: vielleicht ist man es selbst, der da am Boden liegt und Hilfe braucht, oder man ist der Angehörige, der seine Frau oder Mutter leblos auf dem Boden auffindet und sich panisch fragt wie das denn alles nochmal mit der ersten Hilfe geht, weil der letzte Erste-Hilfe-Kurs, den man absolviert hat, stattgefunden hat als die Mauer noch West- und Ost-Deutschland voneinander getrennt hat. 

 

Als Christlich-Demokratische-Arbeitnehmerschaft (CDA) probieren wir derzeit Einfluss auf die Entscheidungsträger bei uns im Kreis zu nehmen, um im besten Fall das System der mobilen Retter bei uns zu integrieren und die Versorgung der Menschen bei uns in der Region im Notfall zu verbessern. Unsere offizielle Pressemitteilung findet ihr hier

 

Wie seht Ihr das? Ist das für euch eine gute Möglichkeit, oder steht Ihr dem skeptisch gegenüber? Schreibt mir das doch mal in die Kommentare. Es ist immer gut auch andere Standpunkte zu kennen und zu verstehen. 

 

UPDATE vom 16.11.2018: 

Die App soll in den Krankenhausbedarfsplan unserer Region aufgenommen werden. Dies ist eine konkrete Absichtserklärung für die Umsetzung. Das Engagement hat sich also ausgezahlt. Ich werde erneut berichten, wenn das System in Siegen-Wittgenstein eingeführt wird. 

 

 

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