Wie der Säkularismus das Geistliche vor dem Weltlichen schützt

Markus Söder hat beschlossen, dass in bayrischen Behörden wieder Kreuze hängen sollen und entfacht damit eine große Debatte über die Trennung von Staat und Kirche im 21. Jahrhundert. Viele vergessen dabei, dass der Säkularismus nicht nur das Weltliche vor dem geistlichen Einfluss schützt, sondern eben auch das Geistliche vor dem weltlichen Einfluss. Der Beschluss ist nicht nur politisch fragwürdig, sondern auch theologisch. 

Was ist denn nochmal Säkularismus? 

Der Säkularismus ist eine Weltanschauung, nach der die Kirche (als Manifestation des Geistlichen) von dem Staat (als Beispiel für alles Weltliche) voneinander getrennt existieren sollen. Dies bedeutet z.B., dass die Religionszugehörigkeit Privatsache ist und vom Staat nicht angetastet wird. Die Religionszugehörigkeit darf nicht dafür sorgen, dass jemand ein staatliches Amt erhält oder von diesem ausgeschlossen wird. 
Darüberhinaus gibt es den Laizismus, der eine noch radikalere Trennung von Geistlichem und Weltlichen fordert, sodass z.B. in staatlichen Einrichtungen keine Gedenkräume für die Religionsausübung vorhanden sind. 
In Deutschland ist die Trennung nicht so streng. Parteien dürfen sich als "christlich" bezeichnen und im Reichstagsgebäude gibt es z.B. einen Andachtsraum, in welchem auch religöse Veranstaltungen stattfinden. 

Heute bedeutet für viele Menschen aufgrund der Geschichte Deutschlands, dass durch die Trennung von Kirche und Staat, vor allem letzterer vor der Kirche geschützt wird. Das ist so auch richtig, zugleich wird aber eben auch die Kirche vor dem Einfluss des Staates geschützt. 

Warum schützt der Säkularismus das Geistliche vor dem Weltlichen? 

Ich beantworte diese Frage anhand des Beispiels aus Bayern. Eine Behörde als staatliche Einrichtung ist die Vertretung des Weltlichen schlechthin. Hängt man nun ein Kreuz als Zeichen des Geistlichen in eine Behörde, so presst man das Geistliche in einen weltlichen Rahmen. Man definiert damit etwas geistliches als Teil des Weltlichen, probiert also die Bedeutung des Kreuzes aus Sicht des Weltlichen zu bestimmen. Söder probiert das Kreuz in einen kulturellen Rahmen zu spannen. Kardinal Marx sagt dazu treffend: "Wenn das Kreuz nur als kulturelles Symbol gesehen wird, hat man es nicht verstanden". 

Die Trennung von Kirche und Staat, schützt das Geistliche davor von weltlichen Institutionen in ein weltliches Korsett gepackt zu werden und damit auf jenes Weltliche limitiert zu werden. Die Religionsausübung ist nur dann wirklich frei, wenn sie selber über die Bedeutung von Symbolen entscheidet und eben nicht der Staat. Staat und Kirche können sich nur entfalten, wenn der jeweils andere nicht probiert Einfluss auszuüben. Staatlicher Einfluss auf die Kirche macht diese kleiner als sie ist und greift ihre Souveränität in der Deutungshoheit ihrer eigenen Symbole und Grundsätze an und das unabhängig davon, ob der staatliche Einfluss dies zum Ziel hatte oder nicht. Die Kirche und der Glaube von Menschen darf in einer modernen Gesellschaft niemals Mittel zum Zweck sein, um weltliche Konflikte zu lösen. 

Welche politischen Folgen resultieren daraus? 

Zur Beantwortung der Frage hilft mir Lukas Klimke. 
Markus Söder versucht mit dem Beschluss ganz klar den Teil der Gesellschaft zu beruhigen, der einen voranschreitenden Verlust an Kultur in unserer Gesellschaft zu beobachten glaubt. Befeuert wurde dies durch die Flüchtlingskrise und die damit verbundene Aufnahme von Menschen mit mehrheitlich muslimischen Hintergrund. 
Mit dem Beschluss Kreuze in Behörden zu hängen, probiert Söder symbolisch zu zeigen, dass unsere Kultur und unsere Identität ganz klar christlich sei und führt dazu auch an, dass die Werte, die in unserem Grundgesetz manifestiert sind, christliche Werte sind. Damit hat er zum Teil recht. Diese Werte lassen sich aber eben nicht nur auf das Christentum zurückführen. 

 

Lukas Klimke meint dazu: "Das Grundgesetz baut zwar zu einem großen Teil auf christlichen Werten auf, trotzdem sind aber Unterschiede festzustellen: man denke nur an Homosexualität, die nach kirchlicher Auffassung als Sünde gilt". Weiterhin aber so zu tun, als würde das Grundgesetz nur auf christlichen Werten beruhen, ist geschickte Taktik, um den Islam auszugrenzen.

Da wir geklärt haben, warum auch das Geistliche vor dem Weltlichen geschützt werden muss, ist auch klar, dass Söder der Kirche mit der symbolischen Geste keinen Gefallen tut. Lukas Klimke meint dazu: "Schon in der Bibel sprach Jesus von einer Trennung des Geistlichen von dem Weltlichen. So kann man in Matthäus 22, 19-21 lesen: 

 

'(...) Und sie reichten ihm ein Groschen dar. Und er sprach zu ihnen: Wes ist das Bild und die Überschrift? Sie sprachen zu ihm: Des Kaisers. Da sprach er zu ihnen: So gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist und Gott, was Gottes ist!' "


Lukas Klimke

ist 15 Jahre alt und wohnt in Hilchenbach im Kreis Siegen-Wittgenstein (NRW). Zudem ist er Messdienerleiter, stellv. Küster, Lektor und Gottesdienstbegleiter im Altenheim. An seiner Schule leitet  er den Schülerbibelkreis
Lukas ist zudem Vorsitzender des Arbeitskreises "Junge Union Hilchenbach" in der JU Kreuztal.



Da Söder mit dem Kreuz das Christentum in eine besondere Position rückt, schließt er andere Religionen damit aus und damit auch deren Anhänger. Das Kreuz in Behörden zieht eine Kluft zwischen jenen, die sich dem Christentum angehörig fühlen und jenen, die es nicht tun. Der Beschluss spaltet damit die Gesellschaft, wodurch Söder klar christlichen Werten widerspricht, die er eigentlich vorgibt schützen zu wollen. Lukas Klimke dazu: "Das Kreuz ist ein Symbol der Versöhnung. In Epheser 2, Vers 18 heißt es

 

'Durch Christus dürfen wir jetzt alle, Juden wie Nichtjuden, vereint in einem Geist zu Gott dem Vater, kommen.'

 

Das Kreuz als ein Mittel zur Spaltung zur Nutzen ist fast schon eine Beleidigung des Christentums. Wer das Kreuz nicht als Zeichen einer Weltreligion erkennt, sondern als Ausdruck von Kultur, der sollte sein eigenes kulturelles Wissen nacharbeiten". 

Welche Konsequenzen sollte Söder unserer Meinung nach daraus ziehen?

Unserer Meinung nach stellt der Beschluss einen klaren Fehler dar. Gleichzeitig findet aber eine Mehrheit der Bevölkerung in Bayern die Entscheidung gut und begrüßt diese. Zusammen mit der Tatsache, dass es eine Menge Schneid braucht, um öffentlich ehrlich einen Fehler  einzugestehen, ist eine Korrektur dieses Fehlers wohl nicht sehr wahrscheinlich. 

Unserer Meinung nach müsste eine Trennung von Kirche und Staat wieder hergestellt werden, da die jetzige Situation keine weltlichen Probleme löst und dazu die Souveränität der Kirche angreift. Darüberhinaus müsste angefangen werden nicht mehr nur symbolische Scheindebatten zu führen, sondern ergebnisoffen im Dialog mit der breiten Gesellschaft zu diskutieren, ob ein Werteverlust und ein Verlust an Kultur wirklich droht, oder ob das nur der Eindruck von jenen ist, die sich allgemein schon abgehängt fühlen und wie man es schafft diese abgehängten Menschen wieder richtig in die Gesellschaft zu integrieren - und das ohne weiter die Gesellschaft auf Kosten von Minderheiten zu spalten. 

Lukas Klimke sagt abschließend: "Christliches Leben kommt nicht von einem Kreuz an der Wand, sondern von Herzen!"

 

Wie ist eure Meinung zu dem Thema? Wir würden uns freuen, wenn ihr mit uns diskutiert und laden euch daher herzlich dazu ein einen Kommentar hier drunter zu hinterlassen. 

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Kommentare: 3
  • #1

    Jaho (Freitag, 04 Mai 2018 07:09)

    Guten Morgen,
    würden Sie mir bitte erläutern was Sie unter „allgemein abgehängten“ verstehen.
    Und sind es nur die „Abgehängten“, die glauben das ihre Kultur verloren geht ? Darunter zählen sich bestimmt auch einige Personen, die nicht abgehängt sind, sondern nur eher in die rechte Ecke gehören ?

    Vielen Danke für diesen Beitrag. Weiter so!

  • #2

    DailyPolitBlog (Freitag, 04 Mai 2018 14:18)

    Hallo Jaho,

    zuerst danke für Ihren Kommentar.
    Im Artikel sprachen wir ja davon, dass wir darüber diskutieren müssen, warum Menschen einen Verlust der Kultur wahrnehmen. Die Aussage zu den "Abgehängten" ist damit erst einmal eine These basierend auf eigenen Erfahrungen. Sie fragten, ob dazu nicht auch Menschen gehören, die eventuell einfach "in die rechte Ecke gehören". Ich glaube, dass Menschen, die wirklich rechtsextreme Ansichten haben, oft sozial abgehängt sind und, dass das "nach unten treten" in Richtung "sozial niedrig gestellter Personen" wie Asylbewerbern die eigene Position vermeintlich aufwertet und das Gefühl gibt besser dazustehen als jene mit noch weniger Privilegien.
    Wie groß jetzt der Anteil an Menschen ist, die rechtsextrem und NICHT sozial-abgehängt sind, kann ich wahrlich nicht sagen. Die wird es auch geben und Sie haben auch Recht, dass diese wohl ebenfalls einen Identitätsverlust wahrnehmen und einen Verlust von Kultur.
    Ich hoffe ich konnte Ihre Frage beantworten und danke für die netten Worte.

    Liebe Grüße

    Joshua Bald vom DailyPolitBlog

  • #3

    Jaho (Freitag, 04 Mai 2018 17:23)

    Herr Bald,
    Vielen Dank für die ausführliche Antwort.
    Ich bin gespannt auf Ihren nächsten Artikel

    Lg jaho