Umgang mit der AfD - von Gewalt bis Empathie

Die "Alternative für Deutschland" wächst und immer mehr Kreisverbände werden gegründet. So auch im Kreis Siegen-Wittgenstein. Am 27.01.2017 wird der Landesvorsitzende (NRW) Marcus Pretzell einen Vortrag in der Siegerlandhalle halten. In folgendem soll es um den richtigen Umgang mit dem Vortrag des Vorsitzenden gehen und wie man der AfD entgegentreten sollte. 

Ich war die letzten Tage sehr unentschlossen wie ich persönlich darauf reagieren soll, dass Marcus Pretzell einen Vortrag bei uns im Kreis hält. Verstehen Sie mich nicht falsch: ich will mich damit auseinandersetzen. Die entscheidende Frage ist nur wie ich das tun will. Gehen wir meine Überlegungen chronologisch durch: 

 

Nachdem ich von dem Vortrag erfahren habe, kam mir als erstes eine Demonstration in den Sinn. Ob eine Demonstration organisiert ist und vor allem von wem (für mich ein sehr entscheidender Punkt) wusste ich zu dem Zeitpunkt nicht. Als ich mich umhörte, habe ich erfahren, dass u.a. Anhänger der linken Bewegung "Antifaschistische Aktion" (in folgendem "Antifa") planen an einer Demonstration vor der Siegerlandhalle teilzunehmen bzw. sie selber zu organisieren. Dies stieß mir sehr bitter auf. Warum? Ich war an einer Demonstration interessiert, die sich kritisch mit der AfD auseinandersetzt, ohne in das linke Extrem überzugehen. Es war mir also sehr wichtig, dass eine solche Demonstration friedlich abläuft, da ich zwar einerseits der politischen Richtung und dem der Politik zugrunde liegenden Weltbild der AfD widerspreche, andererseits aber auch der Meinung bin, dass Demokratie immer gilt. Und dies heißt eben auch Meinungen zu akzeptieren, die mir missfallen und meinem Weltbild widersprechen und da passt es eben nicht zu einer Demonstration zu gehen, bei welcher die Antifa vertreten ist, die am liebsten eine demokratische Partei wie die AfD verbieten würden. 

 

Zusätzliche Brisanz in den Umgang mit der Partei und den Vortrag Pretzells brachte die zum Teilen antisemitische und tendenziell verfassungsfeindliche Rede Björn Höckes (AFD-Fraktionsvorsitzender im Thüringer Landtag) auf einer Veranstaltung der "Jungen Alternative", die mir noch einmal gezeigt hat, wie wichtig es ist gegen Antisemitismus und Nationalismus zu arbeiten, seinen Mund aufzumachen und Stellung zu beziehen, um eben nicht still zuzuschauen, wenn eine rechte Partei in Deutschland wieder Stimmen gewinnt. 

 

Da ich mich damit von der Idee verabschiedet habe an einer Demonstration teilzunehmen (eine zweite Demonstration wäre schwierig gewesen, da die Polizei da wohl einen Riegel vorgeschoben hätte, wegen der Sicherheit aller Menschen vor Ort), wollte ich zuhause bleiben und meine Meinung auf Grundlage der Presseberichte am nächsten Tag bilden. Allerdings missfiel mir diese Idee, da es mir besonders wichtig war auch die Stimmung vor Ort einzufangen, was wohl nur richtig möglich ist, wenn man auch vor Ort war. Dies brachte mich zu meinem Entschluss, wie ich mit der Situation umgehen möchte: 

 

Ich werde mir den Vortrag vor Ort anhören - auch wenn ich dafür wohl von den Demonstranten vor Ort geschmäht werde. Den Vortrag live zu erleben hat den Vorteil, dass ich die Stimmung selber einfangen kann und mir unabhängig von den Medien eine Meinung zum Auftritt und Inhalt des Vortrags von Pretzell bilden kann. Zudem kann ich mich besser in die Menschen hineinversetzen, die vor Ort sind, weil sie eine große Schnittmenge mit den Ansichten der AfD haben. So kann ich besser verstehen wie ich es als Angehöriger einer etablierten Partei schaffen kann diese Menschen wieder zu erreichen und sie von meinen Ansichten und denen der CDU zu überzeugen. 

 

Und daraus leite ich dazu über, wie man mit der AfD im allgemeinen Umgehen sollte: Anstatt mit Gewalt und Verachtung zu drohen, sollte man sie dort packen wo sie am verwundbarsten sind: am Inhalt ihrer Politik. Und dies geht am besten, indem man sich mit diesem live und in Farbe auseinandersetzt, indem man kritisch zuhört und ebenso kritisch Fragen stellt, indem man probiert verbal den wahren Inhalt zu enttarnen und die Menschen mit diesem zu konfrontieren. Nur so schafft man es den Menschen zu zeigen, dass die AfD keine Alternativen und Lösungen bietet, dass sie dem Volk nach dem Mund redet, ohne sich damit auseinanderzusetzen ob ihre Forderungen überhaupt im Rahmen unserer Gesetze und Verfassung realisierbar sind. Und dies hat einen weiteren Vorteil: man nimmt der Partei den Schrecken und zeigt, dass sie verwundbar und besiegbar ist. 

Kommentar schreiben

Kommentare: 3
  • #1

    der Neandertaler (Sonntag, 22 Januar 2017 12:44)

    Wie mit der AfD umgehen?
    Ich weiß es auch nicht. Aber eines ist sicher: So wie es Horst Seehofer vormacht, indem er die AfD-Vorderungen und deren Thesen (fast ungerundet) übernimmt, funktioniert es auch nicht - die AfD wird es zumindest freuen. In ihren Statements wird es heißen, daß sich die etablierten Parteien doch endlich ihren Forderungen und Ansichten anschließen.

    Ebensowenig dürfte von Erfolg sein, deren "wahren Inhalt zu enttarnen und die Menschen mit diesem zu konfrontieren". Weil: in der AfD kann zur Zeit doch jeder tun und lassen was er will - so kann er etwa verbal ausfallend werden, der Partei schadet es nicht. Im Gegenteil: sie erhält unter Umständen sogar noch größeren Zuspruch. Wogegen die etablierten Parteien bei jeder kleinsten Verfehlung abgestraft werden. Die Strategie dieser Partei scheint es nunmal zu sein, daß Provokation 'Erfolg' bedeutet.

    Nein, nein, ein einheitliches Vorgehen, sowie ein normatives Umgehen mit der AfD kann es nicht geben ... wenn überhaupt ein Vorgehen gegenüber dieser Partei sinnvoll erscheint. Bestenfalls kann und sollte Politik (der etablierten Parteien) versuchen, die Bürger und AfD-Wähler zu erreichen und sich 'direkt' mit deren Ängsten auseinandersetzen.

    Die Wählerklientel ist recht vielschichtig. Der Protestwähler ist dort ebenso zu finden, wie jener mit antisemitischen und nationalistischen (ausländerfeindlichen) Ansichten.

    Meinungsfreiheit ist sehr belastbar! "Demokratie gilt immer"!
    Desbalb finde ich auch Deinen Ansatz, "auch Meinungen zu akzeptieren, die mir missfallen und meinem Weltbild widersprechen", gut und richtig! Ein (Denk- und Rede-)Verbot würde ihnen doch sehr entgegen kommen. Dir würde es zusätzlich den Weg versperren, auch mal andere, manchmal auch, teilweise auch unsinnige und nicht vielversprechende Ansichten zu hören. Indem Du, nach derartigem Vortrag, unbequeme und "ebenso kritisch(e) Fragen" stellst, kannst Du zumindest Deinen Argumentationskanon überprüfen und eventuell nachbessern.

    "zu zeigen, dass die AfD keine Alternativen und Lösungen bietet, dass sie dem Volk nach dem Mund redet, ohne sich damit auseinanderzusetzen ob ihre Forderungen überhaupt im Rahmen unserer Gesetze und Verfassung realisierbar sind" ... sprich: deren "wahren Inhalt zu enttarnen und die Menschen mit diesem zu konfrontieren", ist zumindest eine Alternative ... da schon das Ignorieren der AfD nicht erfolgreich funktioniert hat.

  • #2

    Joshua Bald (Sonntag, 22 Januar 2017 18:27)

    Hallo und vielen Dank für Ihren Kommentar!

    ich stimme Ihnen zu, dass mit dem enttarnen der wahren Absicht mancher AfD-Anhänger kurzfristig nicht viel zu erreichen ist. Langfristig wird das aber die einzige Möglichkeit sein sich vernünftig mit der AfD auseinanderzusetzen. Zusätzlich sollte man dann Verständnis aufbringen für alle, die sich abgehängt fühlen und lernen Ängste zu verstehen anstatt sie zu verurteilen.

    Zudem Punkt mit der CSU: ja ich finde das selber sehr schlimm. Für mich ist es definitiv keine Option die Politik der AfD zu übernehmen. Stellenweise beschämt mich der zeitweise dumpfe Populismus einiger CSU-Politiker.

  • #3

    Demonstrant (Samstag, 28 Januar 2017 19:29)

    Mich interessiert, welche Erfahrungen aus der Veranstaltung mitgenommen wurden.

    Ich bin in der Gruppe der Demonstranten gewesen und habe mich natürlich auch gefragt, ob ich nicht besser mit im Saal gewesen wäre, um in einen Dialog treten zu können.
    Ich hätte jedoch keine Schweigeminute in diesem Rahmen ertragen können. Ich hätte nicht still aufstehen können, wenn Pretzell dazu aufgefordert hat. Aber nicht, weil ich den Holocaust leugne, sondern ich es heuchlerisch finde, Höcke in der Partei zu behalten und dann zu einer Schweigeminute aufzurufen, das Gedenken anderer schlechtzureden und in einem Atemzug auf das Gedenken der Bombardierung hinzuweisen.
    (plus: mein Urgroßvater war im KZ und ich denke, dass der 2. Weltkrieg in diesem und weiteren Zusammenhängen meine Familie bis heute prägt. Es liegt an uns, dies in unserer Welt zu verhindern.)

    Nach den Berichten der verschiedenen Medienkanäle gab es recht wenig Möglichkeiten in der Veranstaltung (kritische) Fragen zu stellen. Kann es sein, dass man dann nicht einfach als interessierter AFD-Anhänger mitgezählt und dies in den Medien wieder von der AFD genutzt wird?
    Außerdem frage ich mich, ob es sonst nicht auch möglich sein sollte mit NPD-Mitgliedern in diesem Veranstaltungsformat zu diskutieren... Dass dies einen Sinn hat, glaube ich jedoch nicht.
    Vielmehr müssen AFD-Anhänger oder Interessierte einzeln angesprochen werden. In diesen Dialogen kann man Menschen überzeugen. Gleichzeitig müssen sich die großen Partein überlegen, wie das Bedürfnis der Menschen nach Sicherheit (vorallem finanzieller) gestillt werden kann (wie wäre es mit einem höheren Mindestlohn, mit unbefristeten Arbeitsverträgen? Andere europäische Länder, wie Frankreich, sind dort viel besser aufgestellt und es funktioniert auch). Wenn sie realistische Lösungen haben, diese glaubwürdig verten und sie dann auch umsetzten, werden viele die AFD meiden.